Der Schritt in die eigene Praxis beginnt häufig mit einer großen Zahl: dem Kaufpreis. Dazu kommen Investitionen, Personalkosten und die Frage, ob nach allen Ausgaben genug zum Leben bleibt. Sven Seiler hält diese Bedenken für nachvollziehbar. Die Rahmenbedingungen seien durch höhere Kosten, Digitalisierung und regulatorische Anforderungen anspruchsvoller geworden. Eine gut geplante Praxis sei dennoch weiterhin ein solides unternehmerisches Modell. Entscheidend sei für ihn nicht allein die Höhe der Investition, sondern die Frage: „Was kann diese Praxis wirtschaftlich leisten?“
Gerade bei einer Übernahme lasse sich diese Frage anhand vorhandener Zahlen untersuchen. Umsätze, Kosten, Fallzahlen und Personalstrukturen geben Aufschluss darüber, wie die Praxis bisher gearbeitet hat. Hinzu kommen ein bestehender Patientenstamm und eingespielte Abläufe. Eine Neugründung biete dagegen mehr Freiheit bei Räumen, Ausstattung und medizinischem Konzept, müsse zunächst aber ohne diese wirtschaftliche Historie geplant werden. Welcher Weg besser passe, hänge vom Standort und den persönlichen Vorstellungen des Arztes ab. Seiler empfiehlt deshalb, sich bereits zwei bis drei Jahre vor einer möglichen Niederlassung mit den eigenen Zielen auseinanderzusetzen. Wo möchte ich arbeiten? Will ich eine Praxis übernehmen, neu gründen oder Verantwortung mit anderen teilen? Welche Rolle spielen Familie, Arbeitszeiten und unternehmerische Eigenständigkeit? „Je früher ich diese Fragen beantworte, desto größer ist später meine Entscheidungsfreiheit“, sagt Seiler.
Gerade in der Dermatologie können zusätzliche Leistungsbereiche wirtschaftlich interessant sein. Laser, Ästhetik oder weitere Selbstzahlerangebote sollten aus seiner Sicht allerdings vorsichtig kalkuliert werden. Eine Finanzierung dürfe nicht davon abhängen, dass noch nicht etablierte Angebote vom ersten Tag an die erhofften Umsätze erzielen. Seiler arbeitet deshalb mit unterschiedlichen Szenarien: Welche Einnahmen sind vergleichsweise verlässlich, welche Entwicklung ist realistisch und welches zusätzliche Potenzial könnte entstehen? „Ein Businessplan sollte eine Praxis nicht schönrechnen.“
Ein häufiger Fehler sei außerdem, die Finanzierung auf Kaufpreis und Zinssatz zu reduzieren. Notwendige Investitionen, Betriebsmittel, Anlaufkosten und eine Liquiditätsreserve gehörten ebenso in die Planung wie die private Lebenshaltung. Denn eine Praxis könne auf dem Papier profitabel sein und trotzdem vorübergehend ein Liquiditätsproblem bekommen. Auch die Absicherung gegen Krankheit, Berufsunfähigkeit und betriebliche Risiken müsse mitgedacht werden. Bei der Wahl zwischen Einzelpraxis, Berufsausübungsgemeinschaft und größeren Strukturen rät Seiler dazu, über das mögliche Einkommen hinauszuschauen. Wer entscheidet? Wer trägt welche Risiken? Wie werden Gewinne verteilt? Und wie lässt sich eine Zusammenarbeit später wieder beenden? Gerade bei Kooperationen werde der Einstieg häufig schneller besprochen als ein möglicher Ausstieg. Die Praxisform müsse wirtschaftlich funktionieren und zum gewünschten Leben passen.
Auch Beratung sollte aus seiner Sicht mit diesen Fragen beginnen. Seiler empfiehlt, sich erläutern zu lassen, warum eine bestimmte Lösung vorgeschlagen wird, welche Alternativen bestehen und wie der Berater vergütet wird. Gute Beratung zeige sich auch darin, von einer Investition oder einem Produkt abzuraten. Sein Rat an angehende Praxisinhaber lautet deshalb: „Nicht von großen Zahlen abschrecken lassen - sondern die Zahlen verstehen.“
ZUR PERSON
Sven Seiler ist mit Seiler Consulting auf die wirtschaftliche und finanzielle Beratung von Ärzten und Zahnärzten spezialisiert. Er begleitet Niederlassungsvorhaben unter anderem bei der wirtschaftlichen Analyse, Finanzierung, Liquiditätsplanung und persönlichen Absicherung.
Dieser Beitrag basiert auf einem schriftlichen Interview mit Sven Seiler. Das Interview wurde redaktionell gekürzt und in Artikelform aufbereitet






